Wir fordern eine differenzierte Betrachtung bei der geplanten „Satzung über die Nutzung der städtischen Unterkünfte für die Unterbringung obdachloser Menschen“ der Stadt Mainz und sehen die damit einhergehenden Gebühren kritisch.
Die aktuelle Versorgungsstruktur ermöglicht einen niedrigschwelligen Zugang zu Übernachtungen – und dieser ist für wohnungslose Menschen immanent wichtig! Es ist verständlich, dass die Stadt Mainz Handlungsbedarf sieht und einheitliche Regelungen notwendig sind. Auf der anderen Seite ist es aus unserer Sicht entscheidend, dass diese nicht zulasten der wohnungslosen Menschen gehen.
Aus unserer Sicht ist eine differenzierte Betrachtung unerlässlich: Eine kurzfristige Notfallunterbringung muss direkt umsetzbar und somit kostenlos sein. Eine mittel- oder langfristige Unterbringung kann bei gleichzeitiger Anbindung ans Sozialsystem mit einer Kostenübernahme verbunden sein, die abhängig von den gelieferten Leistungen wie Essens- und Beratungsangeboten ist.
Sozialarbeiterin Nele Wilk erklärt: „Diese differenzierte Betrachtung ist notwendig, weil wohnungslose Menschen unterschiedliche Lebenssituationen aufweisen. Manche haben keinen Anspruch auf staatliche finanzielle Unterstützung. Sie fallen durch das Netz unseres Sozialversicherungssystems. Daraus ergibt sich für sie eine besonders vulnerable Lage.“
Aus diesem Grund haben wir spezielle Wohnangebote geschaffen. „Wir wollen damit verhindern, dass diese Menschen krank auf der Straße leben müssen.“
Arzt Dr. Sebastian Schink, der regelmäßig mit dem Arztmobil unterwegs ist und Sprechstunden im Thaddäusheim anbietet, ergänzt: „Manche Menschen, die unterhalb des Existenzminimums leben und ihr Leben z. B. durch Flaschensammeln bestreiten, haben noch nicht einmal Geld für rezeptfreie Erkältungsmedikamente. Sie können sich auch keine Busfahrkarte bis zur Unterkunft leisten. Solche Kosten übernehmen wir oft durch Spendengelder.“
Wenn der Entwurf für die „Satzung über die Nutzung der städtischen Unterkünfte für die Unterbringung obdachloser Menschen“ in der vorliegenden Form angenommen wird, befürchtet und erwartet unser Fachpersonal eine Ungleichbehandlung. „Außerdem gehen wir davon aus, dass wohnungslose Menschen häufiger ungeschützt oder sogar krank auf der Straße bleiben und die bisher niedrigschwelligen Angebote nicht mehr wahrnehmen. Das kann und darf aus unserer Sicht nicht der Sinn der geplanten Gebühren sein!“, so Dr. Sebastian Schink.
Nele Wilk ergänzt: „Grundlegend würden wir uns wünschen, dass ein solches Konzept gemeinsam mit allen Akteur*innen mit Unterstützungsangeboten für wohnungslose Menschen in Mainz erarbeitet wird. Auf diese Weise kann ein einheitliches und aufeinander abgestimmtes Konzept für die unterschiedlichen Angebote erreicht werden.“
Wir appellieren deshalb an die Mitglieder des Mainzer Stadtrats, den bestehenden Antrag nicht anzunehmen, sondern in Kooperation mit allen Beteiligten eine neue Konzeption zu erwirken. „Wir stehen gerne zur Verfügung und freuen uns auf die Zusammenarbeit!“, so Nele Wilk.
Hintergrund
Wir engagieren uns seit 1997 in der Arbeit für und mit wohnungslosen Menschen. Unser Schwerpunkt liegt auf der gesundheitlichen Versorgung und der Beratung durch Sozialarbeitende, um die Rückkehr ins Sozialsystem zu begleiten. Mit dem Haus Bahar sowie mehreren Genesungszimmern bieten wir auch Unterkunftsmöglichkeiten für FLINTA*-Personen bzw. erkrankte wohnungslose Menschen an.